Vertrauen ist der Anfang… III

In der Sektion ‚Kunst, Design und Architektur’ möchte das Szenografie-Kolloquium auf die Bildenden Künste fokussieren, um darzulegen, wie einerseits allgemein Vertrauen in diese gesellschaftlichen Subsysteme und andererseits in deren jeweilige Systemkomponenten, z. B. in die sichtbaren künstlerisch-gestalterischen Artefakte, prozessiert wird. Wie mit künstlerisch-gestalterischen Inventionen und Interventionen Vertrauen in unserer Lebenswelt kultiviert wird. Davon ausgehend, dass die derzeitig virulenten Diskussionen über diverse Vertrauenskrisen in der Gesellschaft eigentlich eine grundsätzlichere Krise der Kompetenzen verdeckt, soll eruiert werden, welche Voraussetzungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten daran mitbeteiligt sind, um zwischen unterschiedlichen Kommunikationspartnern eine atmosphärische Szene des ‚totalen’ Vertrauens aufzubauen. Vertrauen müsste damit als etwas definiert werden, dass nicht per se besteht, sondern sich immer erst zwischen Partnern entwickelt und ereignet. Es hat für alle Seiten eine performative Qualität. Denn alle Dialogpartner sind mit ihren jeweiligen Erwartungen und Haltungen als maßgebliche Akteure an dem Aufbau einer Bühne konstitutiv beteiligt, auf der als Auftakt eines zukünftigen Schauspiels als erster Akt Vertrauen in der ‚Gegenwärtigkeit’ totaler Sichtbarkeit mit mehr oder weniger bewussten szenografischen Mitteln aufgeführt wird.

Vertrauen ist somit gleich in mehrfachen Sinne ein szenisch dichtes Präludium für den weiteren Gang eines Versatzstück und dialogreichen, aber völlig offenen Schauspiels, das die Zukunft zu antizipieren hofft und Erwartungen an sie letztlich zu aller größter Zufriedenheit erfüllen soll. Zum glücklichen Ende rechnen dann auch Bestätigung, Gewinn und Glück – sie sind schließlich der zentrale Motor für risikoreiche Investitionen der Gegenwart in eine nicht mit voller Sicherheit zuverlässig prognostizierbare Zukunft. Denn wäre diese absolut vorhersehbar, bedürfte es schließlich auch nicht der Etablierung einer Szene der Atmosphäre von Vertrauen, sondern eine des rein nüchternen Evidenzbeweises. Man würde logisch, objektiv und rational operieren, und sich nicht der überschwänglichen Poesie von Sinnlichem bedienen und auf eine irrationale Intuition setzen.

Gleichwohl gehört es zu den Charakteristika einer mit szenografischen Mitteln bestückten Aufführung, dass ihre elaborierte Bühneninszenierung generell den Blick hinter die Kulissen verwehrt. Die Sicht hinter die Fassaden der szenografischen Aufbauten und sichtbaren Ästhetiken muss verwehrt bleiben, um das Moment der gemeinsamen Täuschung für alle Akteure, den Performern wie dem Publikum gleichermaßen, im Spiel zu halten. Im Regieplan der Akte der (Auto-) Suggestion sind Ent-Täuschungen bis zum letzten Vorhang nicht vorgesehen. Konkret und überspitzt formuliert, ist es für die Inszenierung von Vertrauen wirklich nicht von Frage, ob hinter jeder Performanz auch lauter lautere Absichten stecken. Wer vertraut, der weiss immer auch um die Möglichkeit der Täuschung und des Betrugs – allein alle beteiligten Parteien sind um die Reduktion dieses Einstiegrisikos, der Ungewissheit und der Nicht-Garantien, sowie des damit zusammenhängenden potentiellen Verlusts bemüht.

Vertrauen ist in den verschiedensten Milieus unserer Kultur immer ein in höchstem Maße emergentes Phänomen von Systemen; das heißt, es wird aus der internen Kommunikation einer Gruppe heraus, zum Beispiel der des Kunstsystems mit seinen unterschiedlichen Rollenakteuren, konstruiert. In ihm synthetisieren sich auch Werturteile, Normen, Meinungen und Haltungen, die die Gruppe stillschweigend miteinander teilt und systemisch zusammenhält. Nicht immer zu voller Gänze miteinander

geteilt werden können allerdings Fähigkeiten, Fertigkeiten und die Verwirklichung diesernsam verfolgten Kompetenzen, weshalb diese auch auf Zeit delegiert werden. Vertrauen gibt es schließlich immer nur, wenn der Vertrauende auch sein zu Vertrauendes findet.

In den Bildenden Künste möchte man dabei indes den Akteuren heute immer auch den bekannten Werbeslogan nachrufen: „Vertrauen Sie nicht nur auf ihr Talent! Entwerfen Sie kongeniale Codes für Ihr Genie!“ Die Delegation der Kompetenzen möchte frühzeitig ihre (Rück-) Versicherung und Bestätigung finden. Authentizität, Glaubwürdigkeit, Personalisierung, Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit sowie Stringenz usw. sind hier die Schlüsselwörter szenografischer Praktiken im Dienste der Demonstration von Kompetenz.

Wie werden also künstlerisches Talent, designerische Qualität oder entwerferische Sicherheit als szenografische Codes mitreflektiert und bereits im Produkt/Artefakt inszeniert? Erklärt sich so das Phänomen Meta-Referenz? Welche Rollentypen werden dafür ferner ins Spiel gebracht? Welcher Vertrauen weckender Szenarien bedienen sich dabei die offiziellen Institutionen und privaten Organisationen der Präsentation und Vermittlung, u. a. die Galerien, Ausstellungshallen, Museen, Auktionshäuser, Messen, Märkte, Magazine und Medien, um für eine Investition (ideell oder monetär) in die Künste aktiv zu werben. Und welchen Bonus und Profit nehmen danach, die voll auf Kunst, Design und Architektur vertrauensvoll Investierenden (Spekulierenden?), etwa die Sammler, Kuratoren und Auftraggeber, wiederum umgekehrt davon an Vertrauen für ihr soziales Ansehen in unserer Kultur mit? Gibt es dabei im Zeitalter so genannter inszenierter Lebenswelten heute gravierende Unterschiede zur Geschichte und Tradition zu beobachten? Auch die Kunstszene scheint in Damien Hirsts 99 Millionen Pfund teurem Diamantenschädel „For the Love of God“ in diesen Tagen immerhin auch ihr eigenes spektakuläres Krisen-Erlebnis zu erfahren. Kunst – also schon immer nicht nur eine Frage des (guten) Geschmacks, sondern vielmehr des Vertrauens? Wir werden sehen! Und dabei vermutlich endlich deutlich vor Augen erkennen müssen, dass auch die Ästhetiken der szenografischen Praktiken hier ein unheimlich Alles durchdringendes Regime von versteckten Überredungskünsten, Überzeugungsstrategien und Handlungsanweisungen an ihre Adressaten sind.

Pamela C. Scorzin

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